Wie aus Ärger Dankbarkeit wird

Es ist schon ein paar Jahre her. Gerade hatte ich wieder angefangen zu Studieren und es war die erste Vorlesung im Fach Kinematik. Ich gehörte zu den älteren Studenten im Semester. Tatsächlich war ich mit recht großem Abstand der älteste. Das erkannte auch der Professor und fragte mich, wie es kommt, dass ich in diesem „biblischen“ Alter studiere.

Ich war Anfang 30 und hatte gerade mein Studium wieder aufgenommen. Ich wollte damals mehr aus dem Gefühl einer Verpflichtung meiner Eltern gegenüber das Mechatronik-Studium abschließen, dass ich 6 Jahre zuvor abgebrochen hatte. Eine schwere Depression und eine Angststörung waren damals der Grund dafür. Ich schaffte es einfach nicht mehr die Vorlesungen zu besuchen. Zeitweise war es schon ein Erfolgserlebnis, wenn die Wohnung überhaupt verlassen habe, aber das ist eine andere Geschichte……

aus irgend einem Grund war mir das peinlich

Zurück zur Kinematik-Vorlesung und der Frage des Professors. Seine Frage wahrheitsgemäß beantworten, wollte ich damals nicht. Aus irgend einem Grund war mir das peinlich und so richtig wohl fühlte ich mich immer noch nicht in meiner Haut. Also erzählte ich ihm kurzerhand, dass ich damals aus finanziellen Gründen mein Studium abbrechen musste, mir einen Job gesucht hatte und es jetzt zu Ende bringen wollte. Meine Hoffnung war, dass das Thema damit erledigt wäre. Womit ich gar nicht gerechnet hatte war, dass sich dieser Professor eine halbe Stunde Zeit nahm um mir und allen anderen anwesenden zu erklären, wie dumm ich doch seiner Meinung nach war aus diesem Grund mein Studium abzubrechen. Das wollte ich natürlich nicht so stehen lassen und begann mich zu rechtfertigen, also den Grund den es gar nicht gab…….sind wir ehrlich, die Lüge die ich dem guten Mann aufgetischt hatte…….. versuchte ich mit irgendwelchen Argumenten auch noch als guten Grund für meine Entscheidung erscheinen zu lassen. Das machte die ganze Situation nicht besser……… Im Gegenteil, ich lieferte ihm damit noch mehr Futter für seine „Erklärungen“.

…kamen diese Gefühle wieder hoch

Am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Es war mir so peinlich und gleichzeitig war ich richtig wütend auf den Prof. Nach der Vorlesung bin ich direkt nach hause gefahren (Früher zu gehen habe ich mich nicht getraut). Ich war Wütend, traurig, fühlte mich bloßgestellt und war auch irgendwie enttäuscht von mir.

Jedes mal wenn ich danach an diese Vorlesung gedacht habe, kamen diese Gefühle wieder hoch und immer mehr die Wut auf den Mann. Ich malte mir dann aus, was ich hätte sagen können und gab ihm in meiner Fantasie ordentlich Konter, und stellte mir vor, wie ich das Blatt wendete und ihn als den Idioten da stehen lies. Manchmal stellte ich mir auch vor, wie ich ihm in einem Vier-Augen-Gespräch meine Situation erklärte und er sich bei mir entschuldigen würde. Unzählige male stellte ich den guten Mann in meiner Fantasie bloß, oder erklärte ihm alles. Was sich nicht änderte waren meine Gefühle die ich dabei hatte. Wut, Zorn, aber auch Enttäuschung und Demütigung. Das war auch noch Jahre Später so, sogar noch als ich längst für mich entschieden hatte die Sache mit dem Studieren endgültig seien zu lassen. Mit der Zeit verschwamm die Erinnerung zwar und die Gefühle waren nicht mehr so intensiv, aber immer noch da.

eine neue Sichtweise

Als sich diese Erinnerung vor kurzem wieder in mein Bewusstsein schlich, und all das wieder hoch kam, fing ich erneut an den Professor gedanklich in die Schranken zu verweisen. Wieder einmal hatte ich die perfekten Antworten auf alles was er sagte. Vor meinem Geistigen Auge sah ich ihn dann neben seinem Pult stehen, geknickt, kleinlaut und er sah so aus, als fühlte er sich genau so wie ich mich damals. Ich wurde also – zumindest gedanklich – vom Opfer zum Täter und das fühlte sich für mich nicht wirklich gut an. Genau genommen fast noch schlimmer. Zu den Emotionen, die ich schon immer mit der ganzen Geschichte verband, kam nun auch noch Schuld dazu.

„Vielleicht hätte ich ihm doch die Wahrheit sagen sollen?“. „Vielleicht hätte ich ihm die Chance geben sollen auf den echten Alex zu reagieren und nicht auf einen „fake-Alex“ der irgendwie versucht hatte mit einer erfundenen Geschichte gut da zu stehen. Nur, das habe ich nicht. Damals war es meine beste Option diese Geschichte vorzuschieben (und seine so zu reagieren) . Damals habe ich mich noch für meine Geschichte geschämt, und wollte um jeden Preis vermeiden, dass es die Anderen in meinem Semester erfahren.“ Ich begriff, dass es nichts gab, weswegen ich sauer sein musste. Weder auf mich noch auf den Professor. Im Gegenteil! Jetzt endlich begriff ich, wie, bzw. was ich daraus lernen konnte, was mir dieses Erlebnis zeigen wollte.

ein großes Herz mit mir haben

Ich darf zu mir stehen. Zu allem was ich getan, nicht getan, gesagt, nicht gesagt und erlebt habe. Ich darf nicht nur dazu stehen, ich darf es akzeptieren und ein großes Herz mit mir haben.

Ich bereue nichts. Reue ist sinnlos. Du hast es ja schon getan – Du hast Dein Leben gelebt. Es nützt Dir nichts, zu wünschen, es wäre anders
(Lemmy Kilmister)

Natürlich muss ich nicht jedem alles erzählen. Nur wenn ich etwas von mir erzähle, dann darf ich ehrlich sein.

DANKE

Heute bin ich dem Professor wirklich dankbar für das was er getan, bzw. gesagt hat. Damit hat er mir geholfen mich weiter zu entwickeln und einmal mehr zu erkennen, dass es an praktisch jeder Sache etwas positives gibt. Diese positive Seite zu finden, zu erkennen und dankbar dafür zu sein, ist der Schlüssel um auch mit solchen Dingen wirklich abschließen und seinen Frieden damit machen zu können.

Danke, dass Du den Artikel bis zum Ende gelesen hast. Ich hoffe Du findest ihn Hilfreich und kannst in Zukunft leichter das positive auch in Erlebnissen finden die sich im ersten Moment vielleicht nicht so anfühlen.

Herzliche Grüße

Alex

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